Allgemeines - Wissenswertes

 

Kultur und Soziologie der Gehörlosen

Die umgebende Kultur und die Gehörlosenkultur

von Helmut Vogel

(veröffentlicht in: Lesen statt Hören, Gehörlosenkulturzeitschrift aus Leipzig, Heft Nr. 1, 2003, S. 13-15)

Ihre Sprache, Verhaltensweisen, Sitten und Bräuche erlernen die Menschen in der Regel in der Kultur, in der sie aufwachsen. Zwischen den Menschen, die in derselben Kultur aufwachsen und leben, bestehen grundsätzliche Gemeinsamkeiten: Sie verwenden u. a. die gleiche Sprache. Die Menschen sind mit ihrer Kultur verbunden, denn alles, was einen Menschen umfasst und schließlich ausmacht, wirkt auf ihn.

Jedoch haben die Menschen in der Kulturgruppe verschiedene Auffassungen von der Kultur, weil sie verschiedene Erfahrungen und Erlebnissen mit der Kultur verbinden. Es ist von Mensch zu Mensch verschieden, inwieweit die kulturellen Einflüsse auf einen Menschen eingewirkt und ihn geprägt haben. Wenn ein Mensch sich besonders mit einer bestimmten Kultur vertraut fühlt, dann versteht er auch viel von ihr. Welche Erfahrungen der Einzelne mit der Kultur macht und welche Teilhabe er an dieser Kultur hat, bestimmt sein Verhältnis zu dieser Kultur bzw. seine Auffassung von dieser Kultur. Erfahrungen mit der Kultur und Teilhabe an der Kultur hängen stark vom Elternhaus und von der Schule ab. Weitere Einflüsse ergeben sich durch den Freundes- und Verwandtenkreis, durch die Arbeitswelt, durch die Medien usw.

Was die gehörlosen Menschen betrifft, sind sie auch mit der umgebenden Kultur verbunden, denn sie arbeiten, wohnen und leben wie alle anderen Menschen. Die Gehörlosen in Deutschland lernen mit der deutschen Kultur umzugehen. Jedoch erwerben die Gehörlosen noch eine spezifische Kultur, die Gehörlosenkultur.

In unserem Land haben die Gehörlosen neben der deutschen Sprache noch eine eigenständige Sprache: die deutsche Gebärdensprache. Unter der Zweisprachigkeit der Gehörlosen wird verstanden, dass sie die Gebärdensprache und die Lautsprache, in gesprochener und geschriebener Form, lernen und verwenden. Die Gebärdensprache beinhaltet eigenständige syntaktische und semantische Strukturen, die eine reibungslose Kommunikation unter den Gebärdensprachlern ermöglichen. Das ist seit zwanzig Jahren bei uns in Deutschland wissenschaftlich nachgewiesen worden. Jedoch gibt es schon lange die Deutsche Gebärdensprache, als die Gehörlosen sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in den Gehörlosenschulen zunehmend zusammengefunden haben und danach weiter verbunden geblieben sind. Die Gehörlosen besuchen in der Regel die Gehörlosenschule. Dort lernen sie sich kennen und schließen lebenslange Bekanntschaften. Später gehen sie zum Gehörlosenverein. Sie heiraten oft auch untereinander. Bis zum Tod kennen sie sich untereinander.

Den Zusammenschluss der Gehörlosen bezeichnet man als die Gehörlosengemeinschaft. Die Gehörlosengemeinschaft ist von ihrem Charakter aus gesehen eine Lebensgemeinschaft.

Verschiedene Merkmale der Gehörlosenkultur:

- fließende Kommunikation in Gebärdensprache zwischen den Gebärdensprachlern

- die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse in Gehörlosenschulen, Familien und Gesellschaften

- von Generation zu Generation weitergegeben

- die geschichtliche Entwicklung der Gehörlosengemeinschaft

- die Bräuche und Witze, die über das Leben der Gehörlosen berichten

- die Vertrautheit durch die ähnlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit Gehörlosen aus anderen regionalen und internationalen Ländern

Aus diesen Merkmalen lässt sich folgern, dass aus der Sicht der Gehörlosen die Hörbehinderung nicht die erste Priorität besitzt, sondern die Gehörlosenkultur. Es bedeutet, dass sich die Gehörlosen mehr als eine Sprach- und Kulturgemeinschaft verstehen und weniger als eine Behindertengruppe. Die Hörbehinderung ist als ein Teil des Lebens und nicht als absoluter Mangel zu fassen.

Für das bessere Verständnis der Gehörlosenkultur sind die Merkmale für den Erwerb der Gehörlosenkultur bei verschiedenen Gruppen innerhalb der Gehörlosengemeinschaft im allgemeinen Sinne aufzuzeigen:

Die gehörlosen Kinder von gehörlosen Eltern erleben von klein auf mit, dass sie eine tragfähige Kommunikation mit den Bezugspersonen, zum Beispiel Mutter, Vater usw., haben. Sie merken es zwar, dass die hörenden Kinder anders sind und sie auf andere Weise 2 kommunizieren. Die Hörbehinderung ist aber nicht besonders wichtig für sie, da sich keine kommunikativen Defizite im Elternhause gebildet haben. Sie machen normale Erfahrungen als Kinder wie die hörenden Kinder der hörenden Eltern. Nach dem Eintritt in die Gehörlosenschulen werden die gehörlosen Kinder von gehörlosen Eltern oft mit den gesellschaftlichen Normen der umgebenden Kultur konfrontiert. Der „künstliche“ Lautspracherwerb ist für das Bewusstsein des Andersseins als Gehörloser einflussreich. Da wird am besseren Ablesen und Aussprechen zwischen gehörlosen Kindern und Gehörlosenlehrern gearbeitet. Die äußere Seite der Sprache wird im Nachhinein gesehen oft überbetont, während die innere Seite der Sprache, d. h. Beziehung zwischen den Kommunizierenden, nicht zustande kommt. Das gilt auch für Gehörlose, die hörende Eltern haben.

Im Vergleich zu den gehörlosen Kindern, die erst später mit anderen Gehörlosen zusammenkommen, haben die gehörlosen Kinder von gehörlosen Eltern oft einen gewissen Vorsprung beim Erwerb der Gehörlosenkultur und Gebärdensprache. Die Erfahrungen durch die Kultur bereichern schließlich die Kinder in ihrer Sprachentwicklung. Später nehmen sie -prozentual gesehen zu den anderen Personengruppen- häufiger die verantwortlichen Positionen in den Gehörlosenvereinen und ihren Verbänden ein.

Die hörenden Kinder von gehörlosen Eltern weisen ähnliche Erfahrungen auf. Sie merken es auch, dass sie anders als die anderen Kinder sind. Eine tragfähige Kommunikation mit den Bezugspersonen ist aber bei ihnen gegeben, weil sie noch flexibel in der Sprachentwicklung sind. Sie lernen die gehörlosen Eltern in ihrer Besonderheit akzeptieren, ohne sich bewusst mit dieser zu identifizieren. Durch die Kommunikation in der Lautsprache mit den hörenden Kindern und Erwachsenen begreifen sie (manchmal etwa nach 5 Jahren), dass es eine andere Lebensform gibt.

Sie sind dann immer mehr in der Lage, die Deutungsmuster der Gehörlosenkultur und der umgebenden Kultur kennen lernen zu können. Die Hörenden von gehörlosen Eltern fühlen sich später mit beiden Kulturen vertraut. Aber sie teilen mit den Gehörlosen nicht die gleichen Erfahrungen, z. B. hinsichtlich der Schule und dem Leben als Gehörloser.

Wenn es gehörlose Geschwister in einer Familie von Hörenden gibt, ist es von Vorteil für den Erwerb der Gehörlosenkultur. Ein älteres gehörloses Kind hat die Lernerfahrungen, zum Beispiel die Gebärdensprachkenntnisse, voraus und vermittelt sie an das jüngere gehörlose Kind. Die gehörlosen Geschwister erleben weniger das Behindertensein in der Familie von Hörenden, auch wenn das Rollenmodell von gehörlosen Erwachsenen vor der Schulzeit nicht vorhanden ist. Da die gehörlosen Geschwister sich später immer wieder in der Gehörlosengemeinschaft begegnen, können sie sich an ihre gemeinsamen Erlebnisse erinnern und ihre Erfahrungen weiter austauschen.

Die einzelnen gehörlosen Kinder von hörenden Eltern stellen den größten Teil der Gehörlosengemeinschaft im Vergleich zu den oben genannten Personengruppen dar. Die hörenden Eltern sind in der Regel über das Leben als Gehörloser und die Gehörlosenkultur kaum informiert. Da sie die Gehörlosigkeit als eine Behinderung betrachten, sind sie von der Diagnose geschockt. Es kommt zu verschiedenen Verhaltensweisen bei hörenden Eltern, je nachdem wie sie die Chancen von ihrem gehörlosen Kinde einschätzen und welches Ziel sie erreichen wollen. Die hörenden Eltern lernen oft nicht die Gebärdensprache und reden in Lautsprache zu gehörlosen Kindern. Die tragfähige Kommunikation ist daher oft nicht gegeben. Die gehörlosen Kinder von hörenden Eltern erwerben die Gehörlosenkultur erst durch den Eintritt in den Gehörlosenkindergarten, die Gehörlosenschule oder den Gehörlosenverein. Sie identifizieren sich später und manchmal nicht viel mit der Gehörlosenkultur.

Insgesamt gesehen sind die Möglichkeiten der Gehörlosen für den Erwerb der Gehörlosenkultur relativ, denn es kommt auf die Lebensgeschichte von jedem Einzelnen an. Die Auffassungen von der Gehörlosenkultur sind daher von Gehörlosem zu Gehörlosem verschieden. Die Intensität der kulturellen Einflüsse betreffs der umgebenden Kultur und der Gehörlosenkultur bleibt eine offene Frage.

In der Regel fehlen den Hörenden die Erfahrungen, was das Leben als Gehörloser bedeutet. Das Leben als Gehörloser und der Erwerb der Gehörlosenkultur werden von den Hörenden oft nicht wahrgenommen. Für den größten Teil der Hörenden ist Gehörlosigkeit bloß eine Behinderung, die im Leben viele Probleme erzeugt.

Die hörenden Fachleute, die mit Gehörlosen zu tun haben, zum Beispiel Ärzte, Gehörlosenpädagogen, Linguisten usw., entwickeln manchmal auch eigene Vorstellungen über Gehörlosigkeit, Gebärdensprache oder Gehörlosengemeinschaft. Diese Vorstellungen enthalten eine problematische Bewertung, denn sie übereinstimmen manchmal nicht mit denen der Gehörlosen. Die negativen Seiten betreffs des Lebens als Gehörloser werden oft überbetont, wenn auch nicht übersehen werden darf.

Es ist für die Lebensperspektive der Gehörlosen hilfreich, wenn daraus Konsequenzen für das selbst bestimmte Leben gezogen werden. Es besteht dann die Chance, dass die Gehörlosigkeit, sowohl vom medizinischen als auch vom soziolinguistischen Aspekt aus gesehen, bejaht wird. Die Hörenden werden die Bedeutung der Gehörlosenkultur aus der Sicht der Gehörlosen begreifen, wenn sie das Alltagsleben der Gehörlosen kennen lernen und sich somit in die Gehörlosenkultur einführen lassen. Denn die Gehörlosen haben eine positive Beziehung zur Gehörlosigkeit und Gehörlosenkultur entwickelt. Es ist sicherlich eine entscheidende Erkenntnis und bereichernde Erfahrung für jeden Hörenden, die Bedeutung der Gehörlosenkultur verstanden zu haben. Das gilt vor allem für hörende Eltern von gehörlosen Kindern und hörende Fachleute. Der Dialog und die Partnerschaft zwischen Gehörlosen und Hörenden werden besser sein.

Literatur:

Ahrbeck, Bernd: Gehörlosigkeit und Identität. Probleme der Identitätsbildung Gehörloser im Lichte soziologischer und psychoanalytischer Theorien, 2. überarbeitete Auflage, Hamburg: Signum-Verlag, 1997.

Matthes, Claudia: Identität und Sprache. Gehörlose zwischen Laut- und Gebärdensprache, zwischen gehörloser und hörender Welt. Teil 1 und 2, in: Das Zeichen 37, 1996, S. 358-365 und 38, 1996, S. 536-543.

Padden, Carol, Humphries, Tom: Gehörlose. Eine Kultur bringt sich zur Sprache, Hamburg: Signum-Verlag, 1991.

Videofilme:

Bienvenu, Marie J., Colonomos, Betty: An introduction to American Deaf Culture. Identity, Sign Media, Inc. 1989.

Humphries, Tom: Deaf Culture, in: The fifth international workshop for deaf researchers in Denmark 1993, Dovefilm Video 1993.

Padden, Carol: Was ist „gehörlose Kultur“? - Ein Vortrag beim Verein zur Unterstützung des Forschungszentrums für Gebärdensprache in Zürich 1989, Info-Heft Nr. 20, 1992.

zurück zur Übersicht